Wir haben doch nur dieses eine Leben.

Warum verbringen wir dann so verdammt viel Zeit damit, uns über andere aufzuregen?

Jeden Morgen verbringe ich ungefähr zwei Stunden damit, meine ganzen Social-Media-Kanäle durchzuschauen, Beiträge zu erstellen, zu posten, Kommentare zu lesen und natürlich auch zu schauen, was sonst so los ist.

Und ganz besonders bei Facebook & TikTok  frage ich mich echt täglich:

Was ist eigentlich mit den Menschen los? Diese ganze Unzufriedenheit, der Neid und die Missgunst, dieses ständige Meckern und Urteilen, das fällt mir inzwischen extrem auf.

Keiner gönnt dem anderen irgendwas, nicht mal den Dreck unter den Fingernägeln und………. jeder weiß es besser und unter manchen Beiträgen dauert es keine fünf Minuten, bis jemand auftaucht, der etwas schlechtreden muss.

Und da merke auch ich, dass ich selbst höllisch aufpassen muss.

Denn wenn du jeden Tag so viel davon liest, macht das etwas mit dir. Du regst dich auf. Du liest den nächsten Kommentar. Dann noch einen. Irgendwann willst du selbst etwas dazu schreiben und ehe du dich versiehst, bist du mittendrin in genau diesem Mist, über den du dich eigentlich gerade noch so aufgeregt hast.

Das zieht einen regelrecht mit runter und macht oft auch aggressiv.

Und noch etwas fällt mir immer häufiger auf: Es geht längst nicht immer nur darum, seine Meinung zu sagen. Vieles ist ganz gezielt darauf ausgerichtet, andere schlechtzumachen.

Gerade wenn etwas verkauft werden soll, scheint es inzwischen fast normal zu sein: Das eigene Produkt ist natürlich das Beste und damit es noch besser dasteht, wird erst einmal erklärt, warum alles andere angeblich schlecht, minderwertig oder sogar gefährlich ist.

Warum? Warum ist das so frage ich mich!

Warum kann ich nicht von dem überzeugt sein, was ich tue oder verkaufe, ohne dafür jemand anderen schlechtzumachen?

Warum muss ich den Erfolg eines anderen kleinreden, damit sich mein eigener größer anfühlt?

Warum muss ich mich in das Leben anderer Menschen einmischen, nur weil sie etwas anders machen als ich?

Und warum lassen wir uns von all dem eigentlich so leicht mitziehen?

Ist wirklich immer der andere schuld?

Natürlich sind die Zeiten gerade nicht einfach.

Viele Menschen machen sich Gedanken darüber, wie es weitergeht. Alles wird teurer, Selbstständige kämpfen, überall herrscht Unsicherheit und bei vielen sitzt das Geld längst nicht mehr so locker wie vielleicht noch vor einigen Jahren.

Das macht etwas mit den Menschen. Das ist sonnenklar.

Aber rechtfertigt die eigene Unzufriedenheit, einem anderen nichts mehr zu gönnen?

Wenn jemand ein neues Auto kauft, heißt es:„Der muss es ja haben.“

Wenn jemand in Urlaub fährt:„Was die sich alles leisten.“

Wenn jemand mit seinem Geschäft erfolgreich ist:„Bei den Preisen kein Wunder.“

Und wenn jemand einfach zufrieden mit seinem Leben ist, findet sich garantiert jemand, der auch daran noch etwas auszusetzen hat.

Ich frage mich wirklich:

Was bringt mir das?

Habe ich mehr Geld auf dem Konto, wenn ich dem anderen seinen Urlaub nicht gönne?

Geht es meinem Geschäft besser, wenn ich das Geschäft eines anderen schlechtmache?

Wird mein Leben schöner, wenn ich mich darüber aufrege, was mein Nachbar macht?

Geht es mir besser, nachdem ich unter irgendeinen Beitrag im Internet einen gehässigen Kommentar geschrieben habe?

Sicher nicht. Aber trotzdem tun wir es.

Hauptsache, der andere macht es falsch

Was mir außerdem immer stärker auffällt, ist dieses unglaubliche Bedürfnis, andere Menschen zu belehren.

Du ernährst dich so? Falsch.

Du erziehst deine Kinder so? Falsch.

Du führst dein Geschäft so? Falsch.

Du kaufst dieses Produkt? Falsch.

Du glaubst an etwas anderes als ich? Natürlich auch falsch.

Und manchmal geht es noch weiter.

Dann wird nicht nur kommentiert oder gemeckert. Dann wird kontrolliert, sich eingemischt, sich beschwert oder irgendwo angerufen, weil der andere etwas tut, was einem selbst nicht in den Kram passt.

Ich frage mich manchmal ernsthaft, wie viel Zeit manche Menschen damit verbringen, sich mit dem Leben anderer zu beschäftigen.

Zeit, die vom eigenen Leben abgeht.

Und genau das finde ich eigentlich das Erschreckende daran.

Gerüchte, und vorne herum ist alles wunderbar

Und dann gibt es noch etwas, das mich tierisch richtig aufregt:

Gerüchte.

Einer erzählt etwas. Der Nächste hat auch schon „davon gehört“. Ein Dritter weiß plötzlich noch ein bisschen mehr und am Ende wird etwas als Tatsache weitererzählt, obwohl wahrscheinlich kein einziger der Beteiligten überhaupt weiß, ob es stimmt.

„Ich will ja nichts sagen, aber …“

„Ich weiß es ja auch nicht genau, aber ich habe gehört …“

Ja. Und dann wird es natürlich trotzdem erzählt.

Und komischerweise verbreiten sich die schlechten Geschichten immer besonders schnell.

Warum eigentlich?

Warum macht es offensichtlich so viel Spaß zu erzählen, dass bei jemandem etwas scheiße läuft, als zu erzählen, dass jemand etwas richtig gut gemacht hat?

Und noch schlimmer finde ich dieses hintenherum Schlechtreden.

Da wird über jemanden hergezogen, gelästert und erzählt, was angeblich alles nicht stimmt. Und wenn genau dieser Mensch fünf Minuten später zur Tür hereinkommt, heißt es plötzlich:

„Haaaallo! Schön, dich zu sehen!“

Da würde ich manchmal schon gerne, die Faust „sprechen lassen“ aber so richtig……ihr wisst schon 🫣

Wenn ich mit einem Menschen ein Problem habe, dann kann ich es ihm doch sagen.

Und wenn es mir nicht wichtig genug ist, mit ihm darüber zu reden, dann muss ich es nicht auch noch fünf anderen erzählen. Dann halte ich einfach meinen Mund!

Was ich aber überhaupt nicht verstehe: Jemandem vorneherum freundlich ins Gesicht zu lächeln und ihn hintenherum schlechtzumachen. Das ist unterste Schublade und leider so extrem verbreitet……..😢

Und ja, Gerüchte können verdammt viel anrichten.

Gerade in kleineren Orten. Da kennt einer den anderen, irgendjemand kennt jemanden, der wiederum jemanden kennt  und schon macht eine Geschichte ihre Runde. Am Ortseingang wird über einen Unfall erzählt, am Ortsausgang ist derjenige bereits tot!

Für denjenigen, über den geredet wird, ist das überhaupt nicht lustig.

Und auch hier frage ich mich wieder:

Was bringt mir das für mein eigenes Leben?

Wird mein Leben besser, weil ich weiß, was angeblich beim Nachbarn los ist?

Bin ich zufriedener, wenn ich über einen anderen Menschen schlecht rede?

Fühle ich mich größer, wenn ich einen anderen kleiner mache?

Oder wäre es nicht manchmal viel einfacher, den Menschen selbst zu fragen oder sich schlicht und ergreifend um seinen eigenen Kram zu kümmern?

Wenn Schlechtmachen plötzlich zur Verkaufsstrategie wird

Auch beruflich begegnet mir das immer häufiger.

Ich verkaufe selbst Produkte und natürlich bin ich von dem überzeugt, was ich anbiete. Sonst würde es bei mir nicht im Regal stehen.

Aber muss ich deshalb alles andere schlechtmachen? Ich finde: nein.

Trotzdem scheint genau das inzwischen eine beliebte Verkaufsstrategie geworden zu sein.

Erst wird Angst oder Unsicherheit erzeugt. Dann wird erklärt, warum dieses oder jenes Produkt angeblich schlecht ist, warum andere Hersteller keine Ahnung haben oder warum man unbedingt auf bestimmte Dinge verzichten sollte.

Und – welch Überraschung – anschließend kommt die Lösung. Natürlich das eigene Produkt.

Das funktioniert offensichtlich. Denn wenn ich einen Menschen erst einmal verunsichert habe, kann ich ihm hinterher wunderbar etwas verkaufen, das ihm wieder Sicherheit verspricht.

Und genau das empfinde ich als manipulativ.

Nicht:

Schau, was mein Produkt kann und entscheide selbst.

Sondern:

Ich erzähle dir erst einmal, warum alles andere schlecht ist……… und dann sage ich dir, was du stattdessen bei mir kaufen sollst.

Aber ich will so nicht verkaufen.

Wenn mein Produkt gut ist, dann möchte ich erklären können, warum es gut ist.

Dafür muss ich nicht erst zehn andere schlechtmachen.

Und eigentlich gilt genau das auch außerhalb des Geschäfts.

Wenn ich mit meinem Leben zufrieden bin, muss ich das Leben eines anderen nicht kleinmachen.

Wenn ich von meiner Meinung überzeugt bin, muss ich eine andere Meinung nicht lächerlich machen.

Und wenn ich meinen Weg gefunden habe, muss ich nicht dafür sorgen, dass alle anderen denselben gehen.

Und bevor jetzt jemand denkt, ich wäre besser …

Ha, weit gefehlt. Bin ich nicht.

Ganz und gar nicht. 😂

Ich kann mich von all dem nämlich überhaupt nicht ausnehmen.

Und mein persönliches Paradebeispiel dafür ist mein Autofahrer-Tourette.

Das ist echt wirklich schlimm.

Ich setze mich ins Auto und dann gehts los: Meckern,  Maulen, schimpfen, schreien, wütend werden, wild gestikulieren (Ich habe echt nen Knall)

„Jetzt fahr doch!“

„Warum fährst du denn so langsam?“

„Was macht der denn da vorne schon wieder?“

Manchmal denke ich wirklich:

Ich will schon gar nicht mehr mit mir selber Auto fahren. 😂

Und das meine ich tatsächlich ernst.

Mir ist sehr bewusst, was ich da mache und das ist das schlimme daran.

Ich sitze in meinem Auto, rege mich über irgendwelche wildfremden Menschen auf und versaue mir damit meine eigene Stimmung.

Der Mensch vor mir bekommt von meinem Gemecker wahrscheinlich überhaupt nichts mit.

Aber ich habe schlechte Laune.

Wie bescheuert ist das eigentlich?

Aber, ich arbeite tatsächlich jeden Tag daran, das zu ändern.

Heute hatte ich genau so eine Situation.

Ich war unterwegs und vor mir fuhr jemand ziemlich langsam.

Normalerweise die perfekte Steilvorlage für mein Autofahrer-Tourette. 😂

Doch heute habe ich es wirklich wieder mal geschafft.

Ich bin ruhig geblieben.

Ich bin einfach hinterhergefahren.

Kein Gemecker. Kein Gefluche. Kein: „Jetzt fahr doch endlich!“

Einfach gelassen hinterher.

Und dann habe ich gesehen, warum der Fahrer vor mir langsamer gefahren ist.

Vor ihm fuhr ein Fahrschulauto.

Und der Fahrer vor mir hat sich diesem Fahrschulauto gegenüber einfach vorbildlich verhalten. Er hat genügend Abstand gehalten, nicht gedrängelt und dem Fahranfänger die Ruhe gelassen, die man beim Fahrenlernen nun einmal braucht.

Und ich fand das richtig gut.

Voll respektvoll einem Fahranfänger gegenüber.

Denn wir haben doch alle irgendwann einmal fahren gelernt. Wir waren alle mal unsicher, haben vielleicht den Motor abgewürgt, sind zu langsam gefahren oder haben für irgendetwas länger gebraucht.

Und wie schnell hätte ich heute wieder losmeckern können.

Wie schnell hätte ich den Fahrer vor mir als „Langsamfahrer“ abgestempelt.

Dabei hat er überhaupt nichts falsch gemacht.

Ganz im Gegenteil.

Er hat Rücksicht auf einen anderen Menschen genommen.

Und genau da musste ich wieder über mich selbst nachdenken.

Wie oft urteilen wir über einen Menschen, obwohl wir überhaupt nicht wissen, warum er gerade etwas tut?

Wir sehen immer nur einen Ausschnitt.

Wir sehen: Der fährt zu langsam.

Aber wir sehen nicht unbedingt sofort, warum.

Und genauso ist es doch auch im restlichen Leben.

Wir sehen, was jemand besitzt. Aber wir wissen nicht, was er dafür getan hat.

Wir sehen eine Entscheidung. Aber wir kennen die Geschichte dahinter nicht.

Wir sehen einen Menschen vielleicht an einem schlechten Tag. Aber wir wissen nicht, was an diesem Tag vorher passiert ist.

Oder wir sehen einen übergewichtigen Menschen und glauben auch sofort zu wissen, warum er so aussieht.

Das kenne ich selbst leider nur zu gut.

Ich bin zur Zeit noch übergewichtig.

Und ja, ich arbeite daran das wieder zu ändern. Nicht weil irgendein anderer Mensch findet, dass ich dünner sein müsste, sondern weil ich selbst merke, dass mir dieses Gewicht nicht guttut. Vor allem will ich das ja auch gar nicht!

Aber was glaubst du, wie schnell da ein Urteil gefällt ist?

„Du musst halt weniger fressen und dich mehr bewegen.“ Diesen Satz habe ich tatsächlich schon mehr als einmal gehört.

Und ganz ehrlich: Wie unverschämt respektlos ist das!

Denn derjenige, der das sagt, weiß überhaupt nichts darüber, warum ein Mensch zugenommen hat.

Bei mir hat sich beispielsweise mit den Wechseljahren sehr viel verändert. Und natürlich beschäftige ich mich damit und bin aktiv dabei, etwas dagegen zu tun.

Aber darum geht es hier eigentlich gar nicht.

Es geht darum, wie schnell wir glauben, einen anderen Menschen beurteilen zu können, obwohl wir vielleicht nur einen winzigen Teil seiner Geschichte kennen.

Der eine ist zu dick.

Der nächste zu dünn.

Die hat zu viele Falten.

Der sieht ungepflegt aus.

Die hat ihre Kinder nicht im Griff.

Der arbeitet bestimmt nicht genug.

Die ist bestimmt faul.

Wir sehen etwas und liefern die Erklärung gleich mit.

Ohne zu fragen.

Ohne die Geschichte zu kennen.

Und manchmal sogar, ohne dass der andere überhaupt nach unserer Meinung gefragt hat.

Vielleicht wäre auch hier ein bisschen mehr Respekt und Empathie gar nicht so verkehrt.

Und manchmal vielleicht einfach die Erkenntnis:

Ich weiß überhaupt nicht, was dieser Mensch gerade mit sich herumträgt.

Und trotzdem haben wir unser Urteil oft innerhalb von Sekunden fertig.

Heute hätte ich mir selbst mit meinem üblichen Gemecker völlig unnötig die Fahrt vermiesen können.

Stattdessen bin ich einfach ruhig hinterhergefahren.

Und siehe da: Es gab einen Grund.

Vielleicht sollten wir genau das auch außerhalb des Autos viel öfter machen.

Nicht sofort urteilen. Erst einmal hinschauen.

Leben wir eigentlich nur noch im Außen?

Manchmal habe ich das Gefühl, wir leben nur noch im Außen.

Wir schauen ständig darauf, was die anderen machen, was sie haben, was sie verdienen, wie sie leben und was sie angeblich falsch machen.

Aber wie oft schauen wir eigentlich noch auf uns selbst?

Und warum ist das eigentlich so?

Ich glaube, einen Teil der Antwort haben wir jeden Tag direkt vor unserer Nase. Oder besser gesagt: in der Hand.

Unser Smartphone.

Wir scrollen und scrollen und scrollen.

Facebook, Instagram, TikTok, WhatsApp und wieder von vorne.

Wir schauen, was andere machen, was andere kaufen, wo andere Urlaub machen, was andere essen, wie andere wohnen, was andere denken und worüber sich andere gerade aufregen.

Stundenlang.

Wann sind wir denn eigentlich noch wirklich bei uns selbst?

Wann sitzen wir einfach mal da, ohne uns berieseln zu lassen?

Wann reden wir mit unserem Partner, ohne nebenbei aufs Handy zu schauen?

Wann nehmen wir überhaupt noch richtig wahr, was gerade um uns herum passiert?

Vor einiger Zeit bin ich an einem Spielplatz vorbeigelaufen.

Da saßen zwei Kinder, vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt, ziemlich lustlos auf den Schaukeln.

Die Eltern saßen auf einer Bank. Beide mit dem Handy vor der Nase. Jeder für sich.

Und ich dachte nur: Aaaaaaah! What the Fuck……☹️

Wenn ich da an früher denke …

Wir haben auf dem Spielplatz getobt, sind gerannt, geklettert und haben geschaukelt, bis es gefühlt nicht mehr höher ging. Wir waren dreckig, laut und beschäftigt.

Übrigens: Ich schaukle heute noch gerne. 😂

Und nein, ich möchte jetzt überhaupt nicht mit diesem „Früher war alles besser“ anfangen.

War es nämlich nicht. Aber vielleicht waren wir öfter einfach da. Bei den Menschen, mit denen wir gerade zusammen waren.

Bei dem, was wir gerade gemacht haben. Und vielleicht sogar ein bisschen mehr bei uns selbst.

Heute können wir jede freie Sekunde füllen. Wir müssen nicht einmal mehr fünf Minuten irgendwo warten und einfach nur dasitzen.

Handy raus.

Scrollen.

Und schon sind wir wieder im Leben von hundert anderen Menschen.

Vielleicht ist es dann gar nicht so verwunderlich, dass es uns zunehmend schwerfällt, den Blick einmal nach innen zu richten.

Denn dafür müsste es vielleicht auch einfach mal ein bisschen still sein.

Und genau diese Stille halten viele überhaupt nicht mehr aus. Alles muss schnell gehen. Am besten sofort.

Mehr Geld. Mehr Erfolg. Mehr Anerkennung. Mehr Reichweite. Mehr Besitz.

Mehr, mehr, mehr.

Und wehe, etwas läuft nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben.

Dann sind erstaunlich schnell die anderen schuld.

Der Chef.

Der Partner.

Die Kunden.

Die Kollegen.

Der Nachbar.

Die Politik.

Die Gesellschaft.

Irgendjemand wird sich schon finden.

Aber sich einmal hinzusetzen und sich selbst zu fragen:

Könnte es vielleicht auch etwas mit mir zu tun haben?

Das scheint verdammt schwer geworden zu sein.

Denn sich selbst zu reflektieren ist nicht immer angenehm.

Manchmal muss man sich dabei nämlich eingestehen, dass man selbst Scheiße gebaut hat.

Dass man jemanden falsch eingeschätzt hat.

Dass man ungerecht war.

Dass man überreagiert hat.

Dass man vielleicht selbst etwas hätte anders machen können.

Oder dass man – wie ich in meinem Auto – gerade vollkommen unnötig über einen Menschen gemeckert hat, ohne überhaupt zu wissen, was tatsächlich los ist.

Und ich nehme mich davon überhaupt nicht aus.

Aber genau das ist doch der Punkt.

Sich selbst überhaupt noch zu hinterfragen.

Nicht immer sofort einen Schuldigen zu suchen.

Nicht für alles, was im eigenen Leben schiefläuft, jemanden im Außen verantwortlich zu machen.

Sondern auch einmal zu überlegen:

Was hat das vielleicht mit mir zu tun?

Was könnte ich verändern?

Was könnte ich beim nächsten Mal anders machen?

Und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass uns etwas anderes immer mehr verloren geht:

Respekt und Empathie.

Einfach einmal darüber nachzudenken, wie es dem Menschen auf der anderen Seite gerade gehen könnte.

Nicht sofort zu drängeln.

Nicht sofort zu urteilen.

Nicht sofort draufzuhauen.

Nicht jeden Fehler eines anderen als persönliche Zumutung zu betrachten.

Vielleicht hat der Mensch gerade einen beschissenen Tag.

Vielleicht kämpft er mit etwas, von dem wir überhaupt nichts wissen.

Vielleicht hat er einen Fehler gemacht.

Vielleicht ist er einfach anders als wir.

Und vielleicht muss er deshalb trotzdem nicht sofort von uns bewertet werden.

Empathie bedeutet für mich übrigens nicht, alles gutzuheißen oder sich alles gefallen zu lassen.

Und Respekt bedeutet auch nicht, zu allem Ja und Amen zu sagen.

Aber ich kann anderer Meinung sein und einen Menschen trotzdem anständig behandeln.

Ich kann Grenzen setzen, ohne jemanden fertigzumachen.

Und ich kann einen anderen Weg gehen, ohne allen anderen erklären zu müssen, dass nur meiner der richtige ist.

Vielleicht sollten wir tatsächlich wieder ein bisschen weniger darauf schauen, was alle anderen machen.

Und ein bisschen öfter darauf, was wir selbst machen.

Wenn sogar andere Menschen passend gemacht werden sollen

Und genau an diesem Punkt gibt es noch eine Entwicklung, die ich mittlerweile wirklich erschreckend finde.

Wir sind so sehr damit beschäftigt, im Außen nach den Ursachen für unsere Probleme zu suchen, dass manche Menschen inzwischen sogar Geld dafür bezahlen, andere Menschen verändern zu lassen.

Der Partner verhält sich nicht so, wie ich möchte.

Der Ex kommt nicht zurück.

Ein anderer Mensch trifft eine Entscheidung, die mir nicht gefällt.

Jemand gibt mir nicht die Aufmerksamkeit, die ich gerne hätte.

Und anstatt sich irgendwann einmal zu fragen:

Was hat diese Situation eigentlich mit mir zu tun?

Was kann ich für mich verändern?

Muss ich vielleicht auch akzeptieren, dass dieser andere Mensch seinen eigenen Willen hat?

… wird nach einer Möglichkeit gesucht, den anderen zu verändern.

Und das Erschreckende ist: Es gibt mittlerweile genügend Menschen, die genau damit Geld verdienen.

Da werden Coachings, irgendwelche „energetischen Methoden“, Rituale oder sogar Magie angeboten, die angeblich dafür sorgen sollen, dass ein anderer Mensch sich plötzlich anders verhält, zurückkommt, sich meldet, seine Meinung ändert oder genau das tut, was man selbst gerne hätte.

Und da hört es für mich auf.

Ich beschäftige mich selbst seit vielen Jahren mit Dingen, die andere vielleicht als spirituell bezeichnen würden.

Gerade deshalb finde ich, dass man hier verdammt genau hinschauen sollte.

Denn für mich hat Spiritualität nichts damit zu tun, einen anderen Menschen nach meinen Vorstellungen zurechtzubiegen.

Und persönliche Entwicklung schon gar nicht.

Im Gegenteil.

Für mich müsste es doch eigentlich darum gehen, bei mir selbst hinzuschauen.

Warum beschäftigt mich das Verhalten dieses Menschen so sehr?

Warum brauche ich unbedingt, dass er sich verändert?

Was kann ich selbst verändern?

Wo muss ich vielleicht eine Grenze ziehen?

Und was muss ich möglicherweise einfach akzeptieren, auch wenn es mir nicht gefällt?

Das sind natürlich wesentlich unbequemere Fragen als das Versprechen:

„Ich zeige dir, wie du dafür sorgst, dass der andere sich verändert.“

Und genau deshalb funktionieren solche Angebote so gut.

Sie versprechen eine Lösung im Außen, ohne dass ich im Inneren wirklich hinschauen muss.

Und manche Menschen fallen darauf herein. Andere versuchen tatsächlich, auf diese Weise Einfluss auf einen anderen Menschen zu nehmen.

Ich finde beides schlimm.

Denn egal, ob man es Coaching, Energiearbeit, Manifestation, Ritual oder Magie nennt:

Wo bleibt eigentlich der freie Wille des anderen Menschen?

Vielleicht möchte dieser Mensch nicht zurückkommen.

Vielleicht möchte er keine Beziehung.

Vielleicht möchte er keinen Kontakt.

Vielleicht sieht er die Dinge einfach anders.

Und vielleicht ist es nicht seine Aufgabe, sich so zu verändern, damit mein Leben wieder in meine Vorstellung passt.

Vielleicht liegt die eigentliche Aufgabe manchmal bei mir.

Nicht darin, den anderen zu verändern.

Sondern darin, mich zu fragen, warum ich das überhaupt so dringend möchte.

Und dann sitzt man plötzlich selbst mittendrin

Das ist nämlich das Schwierige an der ganzen Sache.

Wenn man ständig von Meckern, Wut, Neid und Empörung umgeben ist, muss man verdammt aufpassen, dass man nicht selbst irgendwann genauso wird.

Das merke ich besonders in den sozialen Medien.

Da lese ich etwas und denke:

Das kann doch jetzt nicht wahr sein.

Dann kommt der nächste Kommentar.

Und der nächste.

Und plötzlich merke ich, wie meine eigene Stimmung kippt.

Manchmal möchte ich am liebsten direkt antworten. Manchmal rege ich mich noch eine Stunde später über irgendeinen Menschen auf, den ich überhaupt nicht kenne.

Und wieder:

Wie bescheuert ist das eigentlich?

Dieser Mensch sitzt vielleicht Hunderte Kilometer entfernt irgendwo auf seinem Sofa, hat seinen Kommentar längst vergessen – und ich schenke ihm meine Lebenszeit.

Allein dieser Gedanke hat es in sich.

Denn genau das tun wir jedes Mal.

Wir schenken unsere Zeit und unsere Aufmerksamkeit Dingen und Menschen, über die wir uns ärgern.

Und deshalb muss ich mich selbst immer wieder daran erinnern, da nicht mitzumischen.

Nicht jeder Blödsinn braucht meine Antwort.

Nicht jede Meinung braucht meine Gegenmeinung.

Nicht jedes Gerücht muss weitererzählt werden.

Und nicht jeder Mensch, über den ich mich ärgere, hat es verdient, dass ich ihm auch noch eine Stunde meiner Gedanken schenke.

Vielleicht sollten wir wieder mehr vor der eigenen Haustür kehren

Das klingt jetzt vielleicht altmodisch.

Aber vielleicht wäre genau das manchmal gar nicht so schlecht.

Sich wieder mehr um das eigene Leben kümmern.

Was möchte ich verändern?

Was kann ich besser machen?

Was fehlt mir, damit ich zufriedener bin?

Und wenn es mir gerade schlecht geht: Was kann ich tun, damit es mir wieder besser geht?

Das sind natürlich unbequemere Fragen. Denn dafür muss ich bei mir selbst hinschauen.

Es ist wesentlich einfacher, den Nachbarn, die Politik, den Chef, den Kollegen, den erfolgreichen Selbstständigen oder irgendeinen wildfremden Menschen bei Facebook zum Problem zu erklären.

Und nein, natürlich haben wir nicht alles selbst in der Hand. Es gibt Dinge, die wir nicht beeinflussen können.

Es gibt Ungerechtigkeit.

Es gibt finanzielle Sorgen.

Es gibt Entscheidungen, die über unseren Kopf hinweg getroffen werden.

Und es gibt Menschen, die sich tatsächlich beschissen verhalten.

Aber eines können wir zumindest versuchen zu beeinflussen:

Was wir daraus machen.

Und wem wir unsere Zeit schenken.

Denn unsere Zeit bekommen wir nicht zurück

Vielleicht ist es genau das, was wir uns viel öfter bewusst machen sollten.

Wir wissen nicht, wie viel Zeit wir haben. Vielleicht werden wir 90 oder vielleicht 100 oder auch nicht!

Aber jeder einzelne Tag, den wir damit verbringen, uns über andere Menschen aufzuregen, ist irgendwann vorbei. Der kommt nicht wieder.

Und wenn ich irgendwann am Ende meines Lebens zurückblicke, möchte ich ganz sicher nicht feststellen, dass ich einen großen Teil davon damit verbracht habe, zu beobachten, was andere machen, mich darüber aufzuregen, ihnen etwas nicht zu gönnen, über sie zu reden oder ihnen das Leben schwerzumachen.

Ich möchte mein eigenes Leben leben. Mit meinen Entscheidungen. Mit meinen Fehlern. Mit meinen Erfolgen. Mit den Menschen, die mir wichtig sind. Und mit den Dingen, die mir Freude machen.

Und vielleicht sollten wir anderen Menschen genau dasselbe zugestehen.

Wir müssen nicht alles gut finden.

Wir müssen nicht derselben Meinung sein.

Wir müssen uns auch nicht alle mögen.

Aber wir könnten uns vielleicht öfter fragen:

Muss ich mich da jetzt wirklich einmischen?

Muss ich diesen Kommentar wirklich schreiben?

Muss ich etwas weitererzählen, von dem ich überhaupt nicht weiß, ob es stimmt?

Würde ich das, was ich gerade über diesen Menschen erzähle, ihm auch ins Gesicht sagen?

Habe ich vielleicht selbst einen Anteil an dem, worüber ich mich gerade beschwere?

Versuche ich gerade, einen anderen Menschen zu verändern, obwohl ich eigentlich bei mir selbst hinschauen müsste?

Macht es mein Leben auch nur einen einzigen Deut besser, wenn ich dem anderen etwas nicht gönne?

Und ist dieser Mensch es wirklich wert, dass ich ihm gerade einen Teil meiner Lebenszeit schenke?

Vielleicht ist es manchmal sogar nur der Langsamfahrer vor uns, über den wir uns gerade fürchterlich aufregen.

Und vielleicht gibt es einen verdammt guten Grund dafür, warum er gerade langsam fährt.

Wir wissen es nur noch nicht.

Denn am Ende bleibt eine ziemlich einfache Tatsache:

Wir haben doch nur dieses eine Leben.

Vielleicht sollten wir wieder anfangen, es zu leben.

2 Kommentare zu „Wir haben doch nur dieses eine Leben.“

    1. Danke dir 😊 Nach „ist mir egal“ meine ich es allerdings nicht. Dafür bin ich auch gar nicht der Typ. 😂 Mir geht es eher darum, nicht ständig auf die anderen zu schauen, zu urteilen und Schuldige zu suchen, sondern zwischendurch auch mal vor der eigenen Haustür zu kehren. Und auch wieder
      respektvoller miteinander umzugehen.

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